Höllisch komplex. Aber machbar
In der „Berliner Republik“ bitten wir regelmäßig Wissenschaftler:innen, Aktivist:innen und meinungsstarke Netzwerker:innen um ihre Einschätzung zu einem aktuellen, zentralen politischen Fragestellung zu befassen. Der Text kann analytisch, essayistisch oder nachdenklich sein. Ansprüche an das Netzwerk Berlin sind dabei ausdrücklich erwünscht! Der November-Beitrag stammt von Carel Carlowitz Mohn von klimafakten.de „It’s a problem from hell.“ Die Rede ist vom Klimawandel. Er ist im Ausmaß seiner Folgen und seiner Komplexität extrem sperrig und schwierig. Höllisch eben. Für die politische Aufgabe, Lösungen für das Problem zu finden und demokratisch Mehrheiten zu gewinnen, gilt das wohl noch viel mehr.

Die Schwierigkeiten beginnen bereits in der Kommunikation. So geht es auf der kommunikativen Bühne um maximale Emotionen – lösen die Folgen des Klimawandels doch zu Recht existentielle Ängste aus. Die wiederum auf die Ängste derjenigen treffen, die mit der notwendigen Abkehr von fossilen Energieträgern um ihren sozialen Status, ihre Identität oder ihre wirtschaftlichen Interessen fürchten. Zugleich stehen elementare Wertefragen auf der Tagesordnung (wie wichtig sind beispielsweise heutige Konsumwünsche, Sicherheits- und Stabilitätsbedürfnisse gegenüber gravierenden Freiheitsbeschränkungen morgen?), und nahezu permanent wird verhandelt, was als gesellschaftlich „normal“ und sozial akzeptiert gelten darf – weites Reisen? Schnelles Fahren? Reichlich Fleisch?
Angesichts der Wucht der im Thema enthaltenen Grundsatzfragen verwundert es nicht, dass Klimaschutz zu den Themen gehört, die als besonders stark polarisierend wahrgenommen werden.[1] Politische Parteien sind Antreiber und Betroffene dieser Entwicklung zugleich: Denn einerseits eignet sich das Thema bestens zur weltanschaulichen Abgrenzung gegenüber dem politischen Gegner, andererseits erschwert die habitualisierte Neigung, den Klimaschutz vorrangig zu einer Frage der persönlichen Attitüde und zur Identitätsfrage zu machen, praktische Politik immens. Glücklich Länder wie Dänemark oder Norwegen, in denen etwas so bieder Daherkommendes wie eine leise surrende Wärmepumpe nicht vom Krakeelen übertönt wird, hier werde eine „Heizungs-Stasi“ auf unschuldige Eigenheimler losgelassen![2]
Und doch – dass Klimakommunikation haarig, polarisierend, reaktanz-weckend, eben: höllisch werden muss, ist kein Naturgesetz. Im Gegenteil: Wer bereit ist, sich mit grundlegenden Erkenntnissen der Verhaltenswissenschaften oder der Sozialpsychologie auseinanderzusetzen und sie auf die politische Kommunikation beim Klimaschutz anzuwenden, darf auch bei diesem schwierigen Thema mit Rückenwind rechnen.
Was das praktisch bedeutet, haben wir in unseren „Politikempfehlungen für Klimakommunikation“ zusammengefasst.[3] Vier Schlüsselerkenntnisse gilt es dabei zu berücksichtigen:
- Klimakommunikation hat bereits heute ein doppeltes Mandat. Zum einen verpflichtet Artikel 12 des Pariser Abkommens die Vertragsstaaten dazu, „Maßnahmen zur Verbesserung der Bildung, der Ausbildung, des öffentlichen Bewusstseins [und] der Beteiligung der Öffentlichkeit […] zu ergreifen“. Der Staat und alle öffentlichen Institutionen dürfen also nicht nur eine aktive, für den Klimaschutz aktivierende Informations- und Kommunikationspolitik betreiben, sie sind hierzu vielmehr sogar ausdrücklich verpflichtet.
Hierbei dürfen sich staatliche Stellen zum zweiten auf ein breites gesellschaftliches Mandat berufen – denn zahlreiche empirische Befragungen belegen, dass eine Mehrheit der Bevölkerung anhaltend besorgt ist und dass sie von der Wirtschaft, vor allem aber von der Regierung mehr Klimaschutz erwartet.[4] Allerdings: diese breite grundsätzliche Zustimmung darf nicht als Blankoscheck verstanden werden, sondern ist an konkrete Akzeptanzbedingungen geknüpft, die aus Sicht der Bürgerinnen und Bürger erfüllt sein müssen.
- Wer also Klimaschutzmaßnahmen ausarbeitet, sollte sich sorgfältig mit diesen Akzeptanzbedingungen Hierzu zählen, dass Klimaschutzmaßnahmen wirksam sein müssen, dass Klimaschutzmaßnahmen mit einem gesellschaftlichen Benefit und einem erkennbaren Gewinn für das Gemeinwohl verbunden sein sollte, dass Klimaschutzmaßnahmen für die einzelnen umsetzbar sein müssen und idealerweise vorteilhaft sein müssen und dass Klimaschutzmaßnahmen schließlich sozial fair ausgestaltet sind, also niemanden übermäßig belasten.
Wichtig hierbei ist: Diese Akzeptanzbedingungen sollten nicht nur von der Sache her erfüllt sein – eine breite Öffentlichkeit muss das ausdrücklich auch so verstehen und wahrnehmen. Entscheidend ist insofern, dass Klimakommunikation diese Aspekte gezielt aufgreift und vermittelt, wie einzelne Maßnahmen wirksam, gerecht und so weiter sind.
- Aufgabe von Kommunikation ist es nicht, „gute“ Gesetze erst irgendwann am Ende des politischen Prozesses öffentlich gut „zu verkaufen“. Vielmehr gehört sozialwissenschaftlich fundierte Kommunikationskompetenz bereits in der Konzeptionsphase an den Tisch. Klimapolitische Maßnahmen und Gesetze werden in Deutschland im Regelfall von Fachleuten für Ökonomie und Recht konzipiert. Entsprechend designte Maßnahmen werden dann in Gesetzesform gegossen – und sollen dann ganz am Ende dem Publikum mit „Kommunikation“ schmackhaft gemacht werden. Doch genau dieser auf eine ökonomische, juristische oder technische Perspektive verengte Prozess führt in Sackgassen – denn was passiert, wenn gesetzgeberische Maßnahmen auf Wertvorstellungen oder Identitätsbilder realer Menschen treffen, ist eben vor allem eine psychologische oder verhaltenswissenschaftliche Frage.
Um es an einem konkreten Beispiel festzumachen: Eine Bepreisung von CO2-Emissionen ist aus ökonomischer Perspektive ein höchst elegantes Instrument. Doch dass der „Witz“ des Instruments gerade darin besteht, dass die solcherart erhöhten Preise für CO2-intensive Produkte im Idealfall nie gezahlt werden (weil die Bepreisung ein Vermeidungsverhalten anreizen soll und CO2-arme Produkte relativ wettbewerbsfähiger macht), ist eine für nicht-ökonomisch geschulte Menschen schwer nachvollziehbare Sicht. In diesem Sinne spricht die Eigenlogik des Emissionshandels hier gerade nicht für sich – und es wäre Aufgabe von Klimakommunikation, auf einen solchen Clash der Perspektiven frühzeitig (also in der Konzeptionsphase von Politik) hinzuweisen und beim Gegensteuern zu helfen.
- Schließlich: Kommunikation braucht Qualifizierung. Bereits heute gibt es in Deutschland in Kommunen, Behörden und öffentlichen Einrichtungen Tausende, wenn nicht Zehntausende Fachkräfte, die als Klimaschutzbeauftragte, Energieberaterinnen oder Nachhaltigkeitsmanager an dem Thema arbeiten. Es sind diese Menschen, die unsere Kommunen, unsere öffentliche Infrastruktur Schritt für Schritt klimaverträglicher umgestalten – und sie sind es, die sich auf Bürgerversammlungen oder in Stadtratssitzungen dem von Kulturkämpfern und Polarisierungsunternehmern künstlich angefachten Gegenwind von Desinformation und Reaktanz stellen müssen. Und diese wackeren Vorkämpfer für Klimaschutz sind darauf im Regelfall wenig vorbereitet, weil Klimaschutz traditionell noch immer darauf setzt, allein mit guten Argumenten und sauberer Fachlichkeit zu überzeugen. Doch weil es im Klimaschutz (nachvollziehbarerweise) oft um fundamentale Ängste, um das große Ganze und unsere Vorstellungen von einem „guten Leben“ und einer „guten Welt“ geht, genügt es eben nicht, Physik und Fakten auf seiner Seite zu haben. Nötig ist vielmehr, die im staatlichen Auftrag für Klimaschutz Zuständigen systematisch zu qualifiziereen, damit sie darauf vorbereitet sind, Desinformation entgegentreten, mit Reaktanz gekonnt umgehen und eine lösungsorientierte Debatte gestalten zu können.
Die aktuellen Scharmützel um Abschaffung oder Fortbestand des „Heizungsgesetz“ stoßen auf nurmehr geringe öffentliche Resonanz. Das könnte bedeuten: Für den Klimaschutz gibt es durchaus Chancen, aus dem kommunikativen Vorhof der Hölle einen Weg zurück in ein produktiveres, stärker lösungsorientiertes Debattenklima zu finden. Wer diesen Weg beschreiten will, ist allerdings aufgerufen, sich hierbei nicht auf Instinkte und (selbstgefühltes) kommunikatives Naturtalent zu verlassen, sondern Klimakommunikation als Disziplin zu verstehen, deren Wirkungsmechanismen man sozialwissenschaftlich analysieren und verstehen kann und sollte.
Carel Carlowitz Mohn ist Geschäftsführer von Klimafakten. Kompetenzzentrum für Klimakommunikation.
[1] Siehe Mercator Forum Migration und Demokratie (Hg.): Politische Polarisierung in Deutschland 2025, https://forum-midem.de/polarisierungsbarometer-2025/
[2] Zum kommunikativen Debakel rund um das Gebäudeenergiegesetz der Ampelkoalition siehe: Alexandra Borchardt, Carel Mohn: Das Heizungsgesetz als Dosenpfand, in: Politische Ökologie 183, Nr. 4/2025, S. 18 ff.
[3] Siehe: Handlungsempfehlungen für eine verbesserte Klimakommunikation für Bund und Länder, s. https://www.klimafakten.de/kommunikation/nicht-laenger-fragmentiert-unkoordiniert-und-aus-dem-bauch-heraus-klimafakten-legt
[4] Siehe hierzu beispielsweise die sozialpsychologisch sehr fundierte PACE-Studie (s. https://projekte.uni-erfurt.de/pace/) , die regelmäßig veröffentlichten Umweltbewusstseins-Studien des Umweltbundesamtes, die jüngste Ausgabe des Eurobarometer (s. https://europa.eu/eurobarometer/screen/home) oder auch eine internationale Befragung im Rahmen des Gallup World Poll 2021/22 (s. https://www.nature.com/articles/s41558-024-01925-3).
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